La libre communication des pensées et des opinions est un des droits le plus précieux de l’homme : tout citoyen peut donc parler écrire et imprimer, librement, sauf à répondre de l’abus de cette liberté dans les cas déterminés par la loi.
So süß klang es noch 1789 – die freie Meinungsäußerung als kostbarstes Menschenrecht welches allen Bürgern durch das Recht des Landes garantiert wird – Idealismus, der gerne auch in der Gegenwart zur Waffe mobilisiert wird. Wir erinnern uns an die Karrikaturen des Propheten Mohammed, deren Veröffentlichung zu einem internationalen Eklat führte.
Dabei herrschte nie Meinungsfreiheit wie sie in dem oben zitierten Auszug der Menschenrechtserklärung proklamiert wird. Davon zeugen beispielsweise in Bezug auf den angesprochenen Karrikaturenstreit Rechtssprechungen wie §166 StGB, aber auch nicht-institutionalisierte Verhaltenskodices wie sie uns jeden Tag und in jedem kommunikativen Feld begegnen. Wer es nicht glaubt kann testweise versuchen, in egal welcher Diskussion der eigenen Position mit Fußtrampeln Nachdruck zu verleihen.
Meinungsfreiheit war immer etwas, das nur außerhalb der gesellschaftlichen Tabus galt und daher bezüglich des Raumes, in dem Meinungsfreiheit gilt, ausgehandelt werden muss. Der Karrikaturenstreit war vom Prinzip her nicht mehr und nicht weniger als Ausdruck einer unterschiedlichen Wahrnehmung gesellschaftlicher Tabus, wenn auch unter dieser Oberfläche ein großes Maß an Kalkül und bewusster Hysterisierung (auf beiden Seiten) eine Rolle gespielt haben dürfte.
Das Internet spielt hier in punkto Meinungsfreiheit bedeutende Rolle. Nicht nur weil es den Menschen ermöglicht Informationen über das gesamte Netz innerhalb von Sekunden zu verteilen, sondern auch weil dies weitgehend anonym geschehen kann. Die meisten (kleinen) Blogs, Microblog-Posts oder Diskussionsbeiträge auf Onlineplattformen erscheinen anonym oder teilweise unter Pseudonym, so z.B. der Betreiber des hochpolitischen Blogs alles-schall-und-rauch, der sich bezeichnenderweise Freeman nennt. Selbst auf sozialen Plattformen, auf denen das Gesicht ja bekannterweise eine besonders hohe Bedeutung hat, gibt es zahlreiche Menschen, die sich mit Kunstnamen maskieren.
Anonymität in der Wissensvermittlung hat es auch in früheren Zeiten gegeben. So bedeutende Werke wie Zwei Traktate zur Regierung von John Locke erschienen anonym. Auch in der feministischen Literatur gibt es zahlreiche anonym erschienene Werke. Marie Dentière veröffentlichte beispielsweise bereits im frühen 16. Jh. in der von Männern dominierten Disziplin der Theologie. Anonymität scheint daher aus heutiger Sicht notwendig um den gesellschaftlich Marginalisierten und Unterdrückten Raum zu verschaffen. Natürlich immer erst im Rückblick: Wo Anonymität heute gegen die Gesellschaftsordnung verstößt möchte man sie tunlichst nicht haben.
Allerdings sind auch hier die Vergleiche vielleicht etwas unpassend, denn wenn da jemand im Forum von Spigel-online Hasstiraden gegen Merkel schmettert so ist das wohl kaum mit jenen zu vergleichen, denen wegen einer Bemerkung der hässlichen Warze des Königs potenziell die Haut über die Ohren gezogen wird (wörtlich gemeint). Auch Freeman dürfte für prinzipiell alle Beiträge rechtlich nicht belangt werden können. Anonymität, so wird argumentiert, sei wichtig, weil sich der spätere Chef ja im Internet über jemand kundig machen könnte. Im Falle Schall-und-Rauch fürchtet man vermutlich eher die CIA, aber nun gut.
Lassen wir diesen Einwand gelten und schauen uns trotzdem die veränderten Umstände an: In der Zeit, die der multilateralen Massenkommunikation vorausging, konnte ein vergleichbar breiter Meinungsaustausch nicht stattfinden (ok, BTX und diverse Telefon-Talkshow lassen wir mal aus der Betrachtung raus. Weiß eigentlich noch jemand von den Jungspunden was BTX ist – ich meine ohne Wikipedia anzuzapfen?). Wo Diskussion war, da waren im Regelfall auch Gesichter, und Gesichter – das wissen wir spätestens seit Facebook – formen Identitäten und Erscheinungsbilder. Das hippe “Dafür stehe ich mit meinem Namen” gilt für viele Bereiche der netzgebundenen Kommunikation nicht mehr. Die Folgen sind enorme Freiheiten, welche in der Transformierung des Ich in einen Avatar, der beispielsweise auf Second Life ein Dominastudio unterhält, ihren Ausdruck gewinnen.
Anonymität und freier Audruck von Meinungen (und Handlungen) korrelieren. Sollte man daher im Internet eine neue Qualität des gesellschaftlichen Lebens sehen? Möglicherweise. Aber es gilt auch die Rückwirkungen eines anonymen Netzes in Zeiten seiner “Sozialisierung” zu erkennen. Diese betreffen in erster Linie gesellschaftliche Codes/Umgangsformen: Mit der Anonymisierung sozialer Kontakte wird den Menschen ein neues Niveau an Vertrauen abverlangt, um anderen Menschen im Netz zu begegnen. Fälle krimineller (Aus)Nutzung der Anonymität über soziale Netzwerke, Chats oder Foren wird es in Zukunft weniger geben, weil, so optimistisch darf man sein, die Naivität bei der Einschätzung von Kommunikationspartnan im Netz abnehmen wird. Man lernt aus den Fehlern der Vergangenheit. Man lernt zwischen dem Vertrauen einer “realen” Welt und dem Vertrauen einer Scheinwelt zu unterscheiden. Misstrauen ist hier also (auch) eine Hoffnung.
Soziologisch gesehen ist Vertrauen jedoch der Grundbaustein der Gemeinschaft, übrigens auch ein Gut, das in der “Realworld” sehr mühevoll erworben werden muss und dessen Bedürfnis durch zahlreiche Kodices dokumentiert ist: der Gruß mit der offenen Hand, um zu zeigen, dass man keine Waffe trägt, das gemeinsame Anstoßen um zu zeigen, dass man kein Gift in die Becher gegeben hat und viele andere Gesten zeigen, dass der Umgang mit Misstrauen immer auch in einer nicht-virtuellen Gesellschaft von Bedeutung war. Und doch ist die Bewegung eines unmittelbar handelnden Menschen leichter einschätzbar und beobachtbarer als wenn man eine Marionette beobachtet, die von ihm gesteuert wird. Vertrauen kann sich in einem anonymen Netz nur bis zu einem bestimmten Punkt herausbilden, danach muss eine Öffnung stattfinden. Ähnliches geschieht z.B. in Foren durch regelmäßige Treffen, auf denen sich Stammnutzer kennen lernen und ihren Kontakt ausbauen.Das betrifft allerdings zweifelsfrei einen eher geringen Teil der regelmäßigen Besucher und Nutzer des Web 2.0.
Es gibt neben dem Problem des Aufbaus von Vertrauen ein weiteres Problem, welches die Anonymität mit sich bringt und vor allem auf Plattformen sichtbar wird, auf denen massiv, schnell und (relativ) unverbindlich kommuniziert wird, d.h. auf denen eine einzelne Sichtung der Beiträge nicht möglich ist. Dies ist insbesondere in den Dikussionsfäden von Onlinezeitungen, oder auf Plattformen wie Youtube der Fall. Der Austausch ist oft von einer derartigen Heftigkeit geprägt, dass es fraglich erscheint ihn als solchen zu bezeichnen. Dabei zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen virtueller und “realer” Streitbarkeit. Der Grund ist einerseits in der Zugänglichkeit des kommunikativen Feld zu suchen: Der größte Teil der Debattte im Netz findet nicht wie im Schulhof in Grüppchen, sondern wie auf einer Podiumsdiskussion statt, zu der sich jeder einladen kan. Andererseits sind auch fehlende soziale Zwänge dafür ausschlaggebend, dass im Netz mehr Menschen Konfrontation und Widerspruch suchen. Nicht nur, dass man keinerlei Gefahr läuft Opfer physischer Gewalt zu werden: auch haftet man nicht mit seinem Namen und seiner Person für bzw. an seinen Äußerungen. Während reale Personen ihr gesamtes soziales Umfeld wechseln müssen, um einen unbehafteten Neuanfang zu starten, muss im Cyberspace nur der Name abgelegt werden. Neue Emailadresse, neue IP, neue Identität. Kommunikation wird somit (zumindest in bestimmten Bereichen) gänzlich unverbindlich.
Verbindlichkeit ist allerdings das, was Gesellschaft erst formt: Sprachcodes, Verhaltensmuster, Absprachen, sprich: Zwang in eine bestimmte Form, um einen Umgang zu garantieren, der von möglichst viel Kontinuität geprägt ist. Während Anonymität (im Netz) somit einerseits Befreiung von einer potenziell diskriminierenden Gesellschaftsordnung ist, ist es andererseits auch Entfesselung sozialer Bindungen und Verhaltensformen. Meinungsfreiheit kann zur Narrenfreiheit werden.
Es stellt sich daher die Frage, ob das, was für jene Menschen, die von der Politik illegalisiert werden ein Segen ist, für die politische Kultur und Kommunikationskultur ein schwer zu revidierender Fluch ist. Die Unverbindlichkeit, mit der wir uns im Netz bewegen können ist individualistisch und daher gleichzeitig antigesellschaftlich. Wollen wir im Internet die Vision und den Inbegriff einer neuen Gesellschaft sehen (“Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet“) so müssen wir uns Gedanken über die neuen Bedingungen machen und überlegen, wie wir damit umgehen wollen/können.
Visionen haben den Nachteil, dass sie (zwangsläufig) gegenwarts gebunden sind und Visionära zeichnen sich dadurch aus, dass sie über einen Weitblick verfügen, den wir leider immer erst im Nachhinein erkennen können. Insofern ist wichtig zu reflektieren was genau mit unserer Kommunikation geschieht und welche Implikationen dies für die Herausbildung von Gemeinschaftlichkeit bedeutet. Neben zahlreichen Potenzialen und Vorteilen, die der anonyme Austausch im Netz hat, sollten wir uns nicht gänzlich von den schillernden Möglichkeit und Zugewinnen blenden lassen und die Frage stellen, was wir im gleichen Zuge verlieren. Die freie Meinugnsäußerung wie sie 1789 proklamiert und danach immer wieder neu aufgelegt wurde hat immer Freiheit in Bezug auf eine Ordnung bedeutet. Wie weit soll dieser Anspruch in Zukunft transformiert werden?
P.S.:
Es bleibt anzumerken, dass es Meinungsfreiheit auch (man könnte sogar sagen: gerade) im Internet nie gegeben hat. Ähnlich der oben genannten Beispiele (Fußtrampeln z.B.) war der Ausdruck von Meinung, Haltung oder Lebensweise im Internet immer vom Willen der Betreiba jener Plattformen reguliert, auf denen kommuniziert werden konnte. Das “bannen” derjenigen, die die Kommunikation stören, ist alles andere als unüblich, es gestaltet sich im Regelfall nur schwieriger als vor der Tür einer Discothek. Das Netz ist angesichts vielzähliver autokratischer Strukturen, die das kommunikative Feld von der Willkür einzelner abhängen lassen, alles andere als durch und durch demokratisch.
Neu dran