Verfasst von: Lara | November 16, 2009

scheitert weiter?

Am zweiten November hatte ich bereits von der neuen Leipziger Wochenzeitung Weiter berichtet. Am 6. November kam die zweite Ausgabe pünktlich heraus, doch jetzt heißt es auf einmal zurückrudern: Mit der grasierenden Grippewelle begründet die weiter-Redaktion, dass die Zeitung künftig nur noch alle zwei Wochen erscheinen wird. Das verheißt nichts Gutes, deutet es doch darauf hin, dass sich die Jungjournalisten unabhängig von den nasskalten Novemberwochen mit ihrer Arbeit übernommen haben. Mittlerweile erscheint die Betonung, eine Zeitung von hoher Qualität müsse her, eher einem Mantra (allein in der knapp 300 Wörter langen Mitteilung gleich 4mal Qualität). Ob das ernst zu nehmen ist? Meines Erachtens haben sich die Initiatoren und Initiatorinnen bereits mit dem (zumal hier pathetisch klingenden) Anspruch vergriffen, etwas qualitativ Besseres und Tiefgründigeres schaffen zu wollen, als es die bisherige Medienlandschaft hergibt:

Denn Weiter existiert allein aus dem Grund, dass die Macher für Leipzig eine Zeitung hoher Qualität schaffen wollen. Eine Zeitung, die in unserer Stadt weiter fragt, weiter denkt und weiter berichtet. Weil Leipzig das braucht, weil es der Stadt gut tut. (Quelle: nochweiter.de)

Weshalb diese hohen Ansprüche? Hätte nicht die weniger emotionale dafür aber ehrlichere Begründung gereicht, dass man gerne alternativ journalistisch arbeiten und sich an einem eigenen Projekt versuchen möchte? Das Projekt allein auf eine erhebliche Qualitätssteigerung der Leipziger Medienlandschaft zu reduzieren halte ich persönlich für nicht nachvollziehbar (und – das am Rande – auch etwas größenwahnsinnig).  Sicher, die LVZ bietet keinen hochwertigen Journalismus, aber trotzdem sitzen dort in den Redaktionen nicht ausschließlich Anfänger und Dummköpfe. Außerdem muss man nicht BILD lesen, man kann sich auch den Kreuzer kaufen oder aber in der L-IZ stöbern. Leipzig benötigt keinen Medienmessias, der es aus einem Tal der Ahnungslosen holt – aber natürlich stellt trotzdem jeder zusätzliche qualitative Journalismus einen Gewinn für die Leser dar. Und genau so sollte man das Projekt weiter vielleicht auch in Zukunft betrachten.

Wenn es wirklich um guten Journalismus geht und nicht bloß um Veröffentlichungen für die Bewerbung nach dem Studium, sollten sich die Macherinnen und Macher dorthin zurück ziehen, wo sie den Zwängen der Ökonomie, dem Vertrieb und der redaktionellen Fertigung am wenigsten ausgesetzt sind: ins Internet. Wie ich bereits in meinem letzten Beitrag zu weiter schrieb, stellt das keinen Rückschritt dar, vielmehr einen logischen Schritt um erst einmal eine gut laufende Zeitung aufzubauen. Auch Blogs und Internetzeitungen lassen sich nicht einfach aus dem Boden stampfen wenn sie professionell betrieben oder tages/wochenaktuell gehalten werden sollen – aber ihre Verwaltung ist einfacher als ein Printformat. Dafür lassen sich kostenfreie Projekte, wie es der Internetjournalismus in den meisten Fällen nun einmal ist, durch Spenden oder auch Werbung teilfinanzieren – Unterstützer gibt es (wie die zweite Ausgabe der weiter dokumentiert) genug. Ein Wochenäquivalent zur L-IZ? Warum nicht? Immerhin besser als ein Printformat das alle zwei Wochen erscheint und allein deswegen schon kaum Chancen hat auch auf Dauer wahrgenommen zu werden (1500 Ausgaben – das ist die derzeitige Auflagenstärke der weiter – müssen auch nach dem Hype der ersten Ausgaben verkauft werden).

Noch eine Bemerkung zur zweiten Ausgabe: Obwohl es sich angesichts der geringen Artikelanzahl nicht wirklich sagen lässt: eine Niveausteigerung. Die Themen waren interessant und die Texte gut geschrieben. Lediglich im Satireteil hätte man sich das penetrante Kerstin-Decker-Bashing ersparen können (wer ist Kerstin Decker?). Im Falle eines Scheiterns von weiter wird das in einer nicht weniger hämischen Form zurückkommen. Ist nur die Frage, ob den Redakteuren dann noch nach Satire ist.

Spätestens am Jahresende wird sich entscheiden, wohin weiter in Zukunft geht. Vielleicht weiterhin ins Heft, vielleicht ins Internet, vielleicht ins Nirvana. Ich hoffe auf Zweiteres. Glück auf!

About these ads

Antworten

  1. “Sicher, die LVZ bietet keinen hochwertigen Journalismus, aber trotzdem sitzen dort in den Redaktionen nicht ausschließlich Anfänger und Dummköpfe.”

    Ich will ja gar nicht als Verteidiger der alten Tante LVZ auftreten, doch muss ich sie dahingehend in Schutz nehmen, dass zum Teil sehr fähige Leute eine Zeitung machen, die aber eben leider stockkonservativ sein muss. Da spielen Eigentumsverhältnisse eine größere Rolle als Chefredakteure. Wer aber jemals eine regionale Zeitung im Urlaub an der Ostsee gelesen hat, oder etwa die Thüringer Allgemeine kennt, weiß die LVZ durchaus zu schätzen. Denn hier findet sich – im Gegensatz zu besagten Blättern – eben nicht eine Spielplatzeröffnung auf Seite drei.
    Das Problem von Zeitungen heute ist sicher der Spagat zwischen lokaler Berichterstattung (nichts gegen Spielplätze, ich hätte auch gern mehr davon) und aktueller Politik. Da finde ich macht z.B. Wonka seinen Job ganz gut, Innenansichten Berliner Politik, leider aber eben auch parteipolitisch gefärbt.
    Dem Projekt Weiter wünsche ich auch viel Erfolg, habe aber ebenfalls Bedenken, wie das mit 1500 verkauften Exemplaren einer im Tiefdruck publizierten Zeitung gehen soll. Eine Internetausgabe ist da sicher fürs erste eine Lösung, aber ich würde mir aber schon manchmal auch eine Ausgabe für den Frühstückstisch wünschen. Ein Spagat…

  2. Rico, dito was die LVZ betrifft. Wie ich bereits schrieb, halte ich nichts von dem Anspruch einer ‘endlich qualitativ hochwertigen Zeitung’ für Leipzig, weil das einfach zu hoch gegriffen ist. Es kann meines Erachtens nicht darum gehen der LVZ das Wasser zu reichen, obwohl das sowohl wünschenswert als auch in einiger Hinsicht möglich ist. Ich finde die Idee, dass sich Journalismusstudentan zusammensetzen und ein Format nach eigenem Geschmack gestalten wirklich toll und gerade deswegen finde ich, dass man von Anfang an auf dem Boden der Tatsache bleiben sollte, denn dann kann man auch nichts falsch machen. Mit dem o.g. Anspruch katapultiert man sich zwangsläufig selber ins Aus.

    Was das Format für den Frühstückstisch anbelangt…ja, Zeitung lesen ist anders als Bildschirm lesen, aber seien wir ehrlich: momentan hat “weiter” das Format einer Schülerzeitung und liest sich wie ein Magazin. Da ist sogar der Student! mehr Zeitung. Ich find das Vorhaben ja löblich, aber wenn die Konsequenz ist, dass man 90% seiner Resourcen auf Fundraising, Setzung und Vertrieb verschwenden muss, dann ist das einfach mal ein großes Defizit und kann meiner Meinung nach nicht im Sinne des Gesamtprojekts sein. Die Zielgruppe ist momentan sicherlich nicht NUR studentisch, aber ich schätze trotzdem, dass es sich bei einer jungen Altersgruppe mit überwiegend studentischem Anteil einpendeln wird, weswegen ich die Printausgabe nicht so richtig notwendig finde. Außerdem ist die Reichweite einer kostenlosen Internetausgabe größer. Bei dauerhaft 1500 Ausgaben (ich habe Bedenken, dass das über mehrere Monate zum gleichen Preis gehalten werden kann) liegt die Reichweite bei 1500-3000 Lesan. Eine kostenlose Onlineausgabe kann dagegen nicht nur von unbegrenzt vielen Personen zu egal welcher Zeit gelesen werden, sie kann auch einfacher zitiert werden.

    Für mich ist das kein Spagat, die Vorteile liegen meines Erachtens auf der Hand. Auch wenn man die gedruckte Zeitung will, kann man durch eine einstweilige Internetphase nur gewinnen.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: