Verfasst von: Lara | Mai 18, 2010

Bitte, bitte nehmt mein Geld!

Inzwischen sprechen Ballack und sein Berater davon, die rüde Attacke habe nach Vorsatz ausgesehen. “Das sah schon nach Absicht aus”, hatte Ballack gesagt. ZEITonline

Ganz ehrlich, ich bin es satt schlechten Onlinejournalismus zu lesen, nur weil das Zeitungswesen nicht akzeptiert, dass es Menschen gibt, die sich nicht darauf beschraenken wollen ihre Informationen lediglich aus einer Quelle zu beziehen. Ich sehe ja ein, dass Journalismus eine Leistung ist die Geld kostet, und dass es ein Kreuz ist, wenn die Menschen immer dorthin rennen wo sie Leistung umsonst bekommen. Aber warum reagiert der Zeitungsmarkt nach wie vor so stoerrisch auf die Tatsache, dass das Internet sich von einem Handelsplatz zu einem Freizeitraum entwickelt, und entwickelt kaum flexible Zahlungsmodelle?

Sicher, Abonnements geben den Zeitungen Planungssicherheit, aber was, wenn sie nicht mehr zeitgemaess sind weil sie nicht den Anfordernisse der Lesan genuegen? Ueber das Internet sind Informationen schneller abruf- und verteilbar, es ist das ideale Medium fuer all diejenigen, die nicht hauptsaechlich lesen, um sich zu entspannen. Ich bin begeistert ueber die Moeglichkeit in drei spanischen Zeitungen (von Deutschland aus) Kommentare ueber den Regierungskurs in punkto Wirtschaftspolitik zu lesen oder Artikel zum Thema “Zentrum gegen Vertreibung” aus Wprost und Frankfurter Allgemeinen vergleichen zu koennen. Und ich finde es spannend den Economist mit den Visionen der TAZ querzulesen. Ich sehe ein, dass das alles Geld kostet, aber ich kann es mir nicht leisten all diese Zeitungen zu kaufen. Man koennte meinen, dass die Tatsache, dass ein Grossteil der Artikel online verfuegbar ist, als Segen daher kommt, aber es ist irgendwie gleichzeitig auch ein Fluch, denn die Qualitaet leidet sicht- bzw. lesbar unter der Kostenfreiheit bei gleichzeitiger Angewiesenheit auf solvente Werbeunternehmen (Spon ist dafuer auf dem deutschen Zeitungsmarkt meines Erachtens das beste Beispiel, wie man am oben stehenden Beispiel sieht ziehen die Kreise eines mittelklassigen “Qualitaetsjournalismus” jedoch weiter). Ich wuerde wirklich gerne Geld fuer die journalistische Arbeit zahlen, die ich in Anspruch nehme, solange es nicht in Form eines Abonnement ist und sich auch nicht auf reines pay-per-view beschraenkt . Die Branche scheint dieses Geld aber (im Regelfall) nicht haben zu wollen.

Die New York Times hatte sich 2007 zu einem radikalen Schritt entschieden und saemtliche Artikel kostenlos ueber die Internetseite der Times zugaenglich gemacht. Ein Grossteil der Besucher der Seite erreichte zu dieser Zeit die Seiten der NY Times nicht ueber individuelle Navigation, sondern ueber Suchmaschinen. Die Times sah in diesen Nutzern keine zukuenftigen Abonnementen, wohl aber ein grosses Potenzial fuer Werbeeinblendungen und genau darauf spekulierte man. Die Folge: Die Seite genierte einen ungeahnten Traffic, da saemtliche Artikel nun gaenzlich von den Suchmaschinen indiziert wurden. Nun rudert die NYT zumindest einen Schritt weit aus dem offensichtlich doch nicht so lukrativen Geschaeft zurueck: Ab 2011 werden regelmaessige Leser nur noch eine beschraenkte Anzahl an Artikel lesen koennen und danach mit einem Abonnement aufstocken muessen. Eine interessante (wenn auch theoretisch leicht zu umgehende) Variante eines flexiblen Zeitungsmarktes.

Ich waere z.B. bereit einen regelmaessigen Betrag zu zahlen, um Artikel verschiedener Zeitungen zu lesen (die ich mir meinetwegen im Monatstakt zusammenstelle). Es koennte beispielsweise ein Grundbetrag von 10 € sein, um auf bis zu 10 Medien zugreifen zu koennen + ein Preis pro Artikel, sagen wir 0,20 € . Oder aber ein Abbonnement von 30 €  monatlich mit 200 Inklusivartikeln. Oder einen Zugang zu maximal 10 Artikeln aller europaeischen Medien fuer 50 €. Vielleicht kann es so funktionieren wie PressDisplay, aber dort fehlen einfach noch die grossen Namen. Vielleicht ist die Entscheidung der NY Times ein erster Schritt Bewegung in den Markt zu bringen. Fuer qualitativ hochwertigen Journalismus muss man zahlen. Vielleicht wird es einige Zeit benoetigen bis sowohl Medienunternehmen als auch Konsumenten erkennen, dass es ihr gemeinsames Interesse ist an neuen Verkaufsmodellen zu arbeiten.

P.S.: Habe gerade gesehen, dass die TAZ den Onlinedienst Flattr verwendet. Eine, wie ich finde, sehr vernünftige und möglicherweise auch visionäre Initiative um weitere Einnahmen zu generieren.

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Antworten

  1. Qualitätsjournalismus muss vom Leser finanziell honoriert werden, schon alleine um seine Unabhängigkeit zu wahren – das gilt selbstverständlich genauso für das Internet.

    Ich stimme dir zu, dass es wenig sinnvoll ist Tageszeitungen zu abonnieren. Anders verhält es sich mit Wochen- oder Monatszeitschriften, deren Artikel länger aktuell bleiben. Nach wie vor lese ich gerne in Papierform, erstens sitze ich (phasenweise) ohnehin viel vor dem Computer, zweitens ist es so angenehmer längere Texte zu lesen, und drittens kann man auch in Bus und Bahn lesen, und muss dazu kein Gerät mit sich herumtragen. Und man hat zu einer Zeitung eine andere Beziehung wenn man sie “ganz” und regelmäßig liest – das spricht natürlich nicht gegen querlesen im Netz, ganz im Gegenteil.

    Warum es im Internet nicht selbstverständlich ist für journalistische Qualität zu bezahlen, hat drei Ursachen:

    a) Das Internet funktioniert in vielen Bereichen “selbstlos”, jeder stellt etwas zur Verfügung, und jeder nimmt wiederum – ob nun Gratissoftware oder Texte.

    b) Die Wirtschaft lief gut, das Werbe- und Anzeigengeschäft war entsprechend.

    c) Irgendjemand Bedeutender hat begonnen Artikel gratis zur Verfügung zu stellen, und die anderen “mussten” mitziehen.

    Ein sinnvolles Bezahltkonzept, muss einfach handhabbar sein, und preiswert (man kann davon ausgehen, dass viele Artikel häufig gelesen werden, und kleine Beträge ausreichen). Am besten wohl, wie Du es schon ansprichst: Ein Guthaben (bei einer Zeitung oder mehreren), von dem automatisch abgezogen wird, aber es muss auch möglich sein einen einzelnen Artikel einmalig bezahlen zu können (ohne vorherige Anmeldung und Guthaben). Zusätzlich ist es wichtig, dass der erste Absatz des jeweiligen Artikels gratis gelesen werden kann, als Vorschau was den Leser erwartet. Ein möglicher Nachteil umfassender Abosysteme kann ökonomischer Druck auf diejenigen, die nicht dabei sind, sein, da muss man aufpassen (bzw. achtgeben, dass im Hintergrund die Fäden nicht an einer Stelle zusammenlaufen).


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