Kann man bei der Ölkatastrophen im Golf von Mexiko von einem (Super-)GAU sprechen? War das nicht ein Wort, das bislang in erster Linie Atomkraftwerken vorbehalten war – größter anzunehmender Unfall? Richtig, das war es. Allerdings sind die Konsequenzen, die aus der Explosion der Deepwater Horizon (vor über einem Monat!) resultieren, so gravierend, dass sie voraussichtlich der Katastrophe von Tschernobyl mindestens gleich kommen. Von dem fortwährenden Ausstoß von Öl am Sockel der ehemaligen Ölbohrplattform sind bereits heute hunderte Kilometer Küstenregion betroffen. Die Flora und Fauna im Umfeld dürfte im weiten Umfeld der Katastrophe so nachhaltig geschädigt werden, dass das Gebiet über Jahrzehnte, vielleicht auch Jahrhunderte von den Folgen der Kontaminierung betroffen ist – und das Öl breitet sich weiter aus. Auch die Fischerei wird an weiten Teilen der amerikanischen Küste langfristig unmöglich werden. Das Wort “Störfall”, wie es bei Kernreaktoren verwendet würde, erscheint diesbezüglich euphemistisch.
Tatsächlich haben wir in der Geschichte des Planeten kaum eine schwerere von Menschenhand geschaffene Umweltkatastrophe erleben dürfen (welche?). Im Gegensatz zu Tankerunglücken (auch hier ist der Wortbaustein “glück” euphemistisch) gibt es derzeit keine Aussicht auf ein Ende des Ölstroms. Auch wenn es derzeit niemand offen aussprechen möchte, kann es durchaus sein, dass das Öl auch im nächsten Monat noch ungehindert weitersprudelt, denn ebenso wie es eine derartige Katastrophe in der doch relativ kurzen Geschichte der Tiefsee-Ölförderung noch nicht gegeben hat, hat es auch keine vergleichbare Rettungsaktion gegeben: sie muss in einer Tiefe von ca. 1,5km stattfinden. Zwar gibt es auch Bohrinseln wie z.B. das Independence Hub auf knapp doppelt so tiefen Grund – dennoch ist mit den gegebenen Instrumenten, eine Schließung des Lecks alles nur keine Routine.
BP lässt sich indessen politisch kaum unter Druck setzen: Die Führung der Schadensbegrenzungsaktion vor Ort fällt dem Konzern wegen seines Knowhows in Bezug auf den Standort zwangsläufig zu. Zu gesellschaftlichem Druck hatten in dieser Woche Claudia Roth und Cem Özdemir in einem Interview mit dem Handelsblatt aufgerufen. Nicht nur Boykott von Araltankstellen, sondern gesellschaftliches Interesse an dem Verlauf der Schadensbegrenzung scheinen derzeit wirkungsvoller als Drohungen von Ausgleichszahlungen, die alles andere als juristisch eindeutig durchsetzbar sein werden: Verpflichtet ist BP nur zu einer Zahlung von 75 Mio. Dollars, was lediglich den Bruchteil der tatsächlichen Schäden ausmacht, die sich bereits jetzt nur noch in Milliardenbeträgen ausdrücken lassen. Zwar hat sich BP dazu verpflichtet mehr als die Summe zu zahlen, zu der sie rechtlich verpflichtet ist, aber was heißt das schon, wenn die Schäden gegegebenfalls größer sind als die Notierung des Unternehmens an den Aktienmärkten?
Nur ein kontinuierliches öffentliches Interesse auch in Europa kann einen angemessenen Druck auf BP erzeigen. Umso erstaunter war ich, als ich heute in den 8:30 Nachrichten im Deutschlandfunk keine Erwähnung des derzeitigen Eindämmungsversuchs, der unter der Bezeichnung “Top Kill” läuft, hören konnte. Ich habe eine kurze Anfrage an die Redaktion geschickt und werde die Antwort posten, sobald ich sie erhalten habe. Hier die Mail:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wie kann es sein, dass wir derzeit im Golf von Mexiko eine der schlimmsten von Menschen verursachten Umweltkatastrophen erleben und Deutschlandfunk nicht einmal eine kurze Nachricht zum Stand der Schadenseingrenzung durchgibt? Für eine Begründung ihrer Präferenzen wäre ich Ihnen äußerst dankbar.
Beste Grüße,
Lara Ghazal
Nachtrag 27.05.2010: In den 9:00 Nachrichten war eine kurze Information über die Katastrophe, allerdings keine Durchgabe des aktuellen Standes von Top Kill und der Kontaminierung der Meere und Küstengebiete.
Nachtrag 28.05.2010: Die Antwort kam gestern und heute, hier der Mailwechsel:
Sehr geehrte Frau Ghazal,
vielen Dank für Ihre Zuschrift, die nun auch in der Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks eingetroffen ist.
Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserem Programm, im konkreten Punkt kann ich Ihrer Kritik diesmal aber nicht ganz folgen. Wir haben massiv über das Thema und seine vielen Aspekte berichtet, in den Nachrichten, mit Korrespondentenberichten, Interviews, Kommentaren, Presseschauen und vielem mehr. Manch ein Hörer meinte sogar bereits, wir übertrieben. Wir haben da also dieselbe Gewichtung wie Sie.
Mit vielen Grüßen, Ihr M.Bertolaso
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Sehr geehrter Herr Bertolaso,
vielen Dank für Ihre Antwort. Ich bin regelmäßige DLF-Hörerin und weiß durchaus, dass Deutschlandfunk zum Thema berichtet hat. Bei dem Vorfall im Golf von Mexiko handelt es sich um eine der größten (wenn nicht sogar die größte) von Menschenhand verursachten Umweltkatastrophen, weswegen ich zumindest dann wenn ein entscheidender Versuch unternommen wird das Leck zu schließen (was bei “Top-Kill” derzeit der Fall ist) in den Nachrichten der neueste Stand durchgegeben wird. Dass sie daneben mit Reportagen, Interviews und Kommentaren auf das Thema eingehen ist gut und richtig, aber sie werden mir sicher zustimmen, dass es einen erheblichen Unterschied zwischen diesen Formaten und den stündlichen Nachrichten gibt, und sich die meisten Hörerinnen und Hörer über letztere informieren.
Dass es Hörer gibt, die sich überinformiert fühlen, finde ich sehr bedauerlich.
Beste Grüße,
Lara Ghazal
***
Sehr geehrte Frau Ghazal,
vielen Dank, ich verstehe Ihre Argumentation gut und sehe auch die besondere Rolle der Nachrichten. Auch heute sind wir bei dem Thema natürlich am Ball!
Viele Grüße, M. Bertolaso.
Ist für mich ein Vielen Dank und auf Wiedersehen, aber vielleicht wird es ja in der Redaktion angesprochen.









Das, liebe Lara, worüber du dich so aufregst, ist der allgemeine menschliche Hang zu Verrohung und die einzigartige Fähigkeit der Verdrängung. Die Menschen wollen etwas neues sehen, und während die Ölkatastrophe noch “frisch” war, haben sich auch die Medien begierig auf das Thema gestürzt. Ähnlich einem Autounfall: Jeder S**** Gaffer will natürlich sehen, wie ein Schwerverletzer oder noch besser Toter aus einem Wrack gezogen wird, aber meinst du, jemand möchte sehen wie die Feuerwehr und die Straßenmeisterei die Straße säubern.
Von: fallas88 am Mai 27, 2010
um 9:23 vormittags
Die Wortkombination Super GAU bitte ohne “super” verwenden, das ist völlig sinnlos und ohne ein mehr an information (ich weiß, ist nicht Deine Erfindung).
Aber es scheint ganz gut auszusehen (gemessen an der Situation).
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Verrohung, ja. Verdrängung ist aber auch ein Schutzmechanismus.
Von: metepsilonema am Mai 27, 2010
um 10:45 vormittags
Habe den Titel geändert. Ich möchte nicht, dass es wie eine reine Beschwerde klingt, vielmehr als kritische Betrachtung des Umgangs. Ich will auch keine Erklärung, weswegen das Thema nicht ganz oben oder zumindest vor den NRW-Wahlen im Deutschlandfunk behandelt wird – ich möchte, dass sich das ändert. Den Artikel verstehe ich insofern nicht als Beschwerde, sondern als Aufforderung.
Super-GAU ist sicherlich irgendwie so tautologisch wie La-Ola-Welle, aber ich finde den Ausdruck dennoch interessant und angebracht, weil der dahinter stehende Gigantismus ebenfalls unsere Verrohung in Bezug auf Katastrophen ausdrückt. Ich habe ihn zur Klarstellung eingeklammert.
Von: Lara am Mai 27, 2010
um 11:11 vormittags
“Verdrängung ist aber auch ein Schutzmechanismus.”
Völlig richtig, denn wie viele Menschen würden sich täglich die Kugel geben, wenn sie gezwungen wären sich mit allem Übel da draußen auch wirklich auseinander zu setzen.
Von: fallas88 am Mai 27, 2010
um 11:59 vormittags
Ich möchte meinen Beitrag Zitieren:
Der GAU
Größter anzunehmender Unfall
Ein Auslegungsstörfall (auch GAU, für größter anzunehmender Unfall) ist ein statistisch unwahrscheinlicher, schwerer Störfall, für dessen Beherrschung die Anlage noch ausgelegt ist, d. h. den sie übersteht, ohne dass Oel über die zulässigen Grenzwerte hinaus aus der Anlage austritt. Es ist der größte Unfall, der bei der Planung einer Erdoelfördernden Anlage anzunehmen ist, und dessen Beherrschbarkeit im Rahmen des Genehmigungsverfahrens nachzuweisen ist.
Der Begriff Auslegungsstörfall wird zb.von staatlichen Stellen und Kraftwerksbetreibern anlog/neusprech, der älteren und bekannteren Bezeichnung Atomkraftwerk/GAU vorgezogen.
Der GAU ist keine Konstante, sondern muss immer wieder neu bewertet werden. Das kann beispielsweise das Nachrüsten von zusätzlichen Sicherheitseinrichtungen erforderlich machen oder gegebenenfalls bis zum Entzug der Betriebsgenehmigung führen.
Als Super-GAU wird ein Unfall bezeichnet, bei dem stärkere Belastungen auftreten, als beim schlimmsten Störfall, für den die Anlage noch ausgelegt wurde.Was beim BP-Gau nicht der Fall ist.
Ein synonymer Begriff ist die etwas umständlichere Umschreibung Auslegungsüberschreitender Störfall.
Ein Super-GAU war die Katastrophe von Tschernobyl.
Ein synonymer Anglizismus für den GAU lautet Worst-Case-Szenario.
An die Abkürzung GAU angelehnt ist der „DAU“.
Dümmster anzunehmender User
Ein spöttischer oder beleidigender Begriff für Computerbenutzer ohne Grundlagenwissen und Sachverständnis, die grobe Denk- und Anwendungsfehler im Umgang mit Computern und deren Zubehör begehen.
http://www.erinnerungsforum.net/forum/umwelt/die-verschmutzung-der-meere/45/
Nach Wiki trift die Devinition “Supergau” eindeutig nicht zu!
Da 100% Menschliches versagen vorliegt!
Gruss Mad
Von: madurskli am Mai 28, 2010
um 11:00 vormittags
Ich habe im Angesicht der Konsequenzen, die sich derzeit im Golf von Mexiko für die nächsten Jahrzehnte/hunderte ergeben keinen Bedarf mich von einer wie auch immer gearteten “technischen Richtigkeit” der Worte eingrenzen zu lassen. Vermutlich wäre es besser das Wort GAU in diesem Fall mit “größtes anzunehmende Unglück” zu übersetzen. Und @ “menschliches Versagen” – das ist zumindest teilweise eine ungerechtfertigte Eingrenzung der Schuld. Seien wir ehrlich: Alle, die nicht gegen Ölbohrbplattformen protestiert haben tragen eine Mitverantwortung für dieses Unglück selbst wenn sich herausstellt, dass BP oder die Betreiban der Deepwater Horizon irgendwelche eklantante Fehler gemacht haben. Das Urteil, das zuletzt gesprochen wird, muss zu einem großen Teil auf uns Endverbrauchan zurückfallen. Und ich hoffe, dass es das auch wird.
Von: Lara am Mai 29, 2010
um 11:54 vormittags
Das Urteil, das zuletzt gesprochen wird, muss zu einem großen Teil auf uns Endverbrauchan zurückfallen.
Stimmt. BP alleine zum Sündenbock abzustempeln, heißt es sich zu einfach zu machen.
Von: metepsilonema am Mai 29, 2010
um 2:51 nachmittags